Definition
Begriffsherkunft und Etymologie
Das deutsche Wort Aderlass setzt sich aus Ader (althochdeutsch âdra = Ader, Vene; auch: Wasserader, Erzader) und Lass (von althochdeutsch lâzan = lassen, fließen lassen) zusammen. Es bezeichnet wörtlich das „Fließenlassen aus der Ader“ und ist damit eine präzise Beschreibung des Eingriffs. Im Mittelhochdeutschen ist die Form âderlâz belegt; in frühneuhochdeutschen medizinischen Texten wird er oft schlicht als Lassen bezeichnet.
Das lateinische Pendant phlebotomia entstammt dem Griechischen: phleps (φλέψ) = Vene, Ader, und temnein (τέμνειν) = schneiden. Minutio sanguinis (wörtlich: „Verminderung des Blutes“) war der gebräuchlichere Begriff in mittelalterlichen Klosterschriften und medizinischen Traktaten. Das Instrument des Aderlasses, eine kleine Lanzette zum Einstechen der Vene, hieß Flebotom oder – im deutschen Sprachraum – Schnepper oder Lanzette. Begriffe und Instrumente der mittelalterlichen Medizin sind im Bereich Medizin & Krankheit ausführlicher dokumentiert.
Definition und Abgrenzung
Im engeren Sinne bezeichnet Aderlass den Einschnitt in eine oberflächliche Vene und die kontrollierte Entnahme einer definierten Blutmenge. Im weiteren Sinne umfasste der Begriff im Mittelalter alle Methoden der blutigen Entleerung des Körpers, einschließlich des Schröpfens (mit Schröpfköpfen) und des Blutegelansetzens. Alle drei Methoden standen im theoretischen Kontext der Humoralpathologie und wurden oft als graduell verschiedene Eingriffstiefen desselben therapeutischen Prinzips verstanden.
Abgrenzung zu verwandten Methoden
- Schröpfen (trocken): Anlegen erhitzter Glasglocken auf die Haut ohne Hautverletzung; erzeugt Unterdruck und Blutstau; gilt als mildere Variante ohne Blutverlust.
- Schröpfen (blutig): Kleine Hautschnitte unter den Schröpfköpfen; Blut wird durch Unterdruck herausgezogen; weniger tief als Aderlass.
- Blutegel (Hirudotherapie): Anlegen lebender Blutegel an bestimmten Körperstellen; kontrollierte Blutentnahme durch Biss; besonders für empfindliche Regionen (Augen, Mund) geeignet; heute in eingeschränktem Umfang medizinisch rehabilitiert.
- Purgieren (Abführen): Entleerung des Darms durch Abführmittel; ebenfalls Teil der humoralpathologischen Therapie, aber ohne Blutentnahme.
- Klistier: Einlauf; weitere humoralpathologische Entleerungsmethode ohne Blutentnahme.
Fachliche Grundlagen: Humoralpathologie
Die Viersäftelehre
Die theoretische Grundlage des mittelalterlichen Aderlasses war die Humoralpathologie (Viersäftelehre), die auf Hippokrates (5./4. Jahrhundert v. Chr.) zurückgeht und durch Galenos von Pergamon (2. Jahrhundert n. Chr.) systematisiert wurde. Sie postuliert, dass der menschliche Körper von vier Säften (humores) regiert wird, deren Gleichgewicht Gesundheit und deren Ungleichgewicht Krankheit bewirkt:
| Saft (Humor) | Element | Qualität | Organ | Jahreszeit | Temperament |
|---|---|---|---|---|---|
| Blut (sanguis) | Luft | warm, feucht | Herz/Leber | Frühling | Sanguinisch |
| Schleim (phlegma) | Wasser | kalt, feucht | Gehirn/Lunge | Winter | Phlegmatisch |
| Gelbe Galle (cholera) | Feuer | warm, trocken | Gallenblase | Sommer | Cholerisch |
| Schwarze Galle (melancholia) | Erde | kalt, trocken | Milz | Herbst | Melancholisch |
Krankheit entstand nach dieser Lehre, wenn ein Saft in zu großer Menge vorhanden war, „verdorben“ war oder an die falsche Körperstelle geflossen war. Aderlass sollte das Übermaß – meist des Blutes, aber auch der anderen Säfte – korrigieren. Da Blut als der „edelste“ und häufigste Saft galt, war er die häufigste therapeutische Zielgröße. Der theoretische Rahmen der Humoralpathologie und seine Wirkung auf die mittelalterliche Medizin insgesamt sind im Bereich Medizin & Krankheit ausführlich behandelt.
Aderlass und Astrologie
Im Mittelalter war die Medizin eng mit der Astrologie verknüpft. Für den Aderlass galt es, den richtigen Zeitpunkt nach dem Mondkalender zu wählen: Bestimmte Mondphasen und astrologische Konstellationen galten als günstig oder ungünstig; die sogenannten Aderlassmännlein – Diagramme eines menschlichen Körpers, an dem die einzelnen Körperstellen den zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet waren – zeigten, welche Venen an welchem Tag geöffnet werden durften. Diese Aderlassmännlein gehörten zum Standardinhalt mittelalterlicher Kalender und Haushaltsbücher. Wenn der Mond im Zeichen des Widders stand, war z. B. ein Aderlass am Kopf zu vermeiden. Astrologie als Teil des mittelalterlichen Weltbilds behandelt der Bereich Klöster, Bildung & Wissen.
Durchführung und Technik
Instrumente
Das wichtigste Instrument des Aderlasses war das Flebotom (auch: Schnepper, Lanzette): eine kleine, zweischneidige Klinge in einem Griffheft, mit der die Vene durch einen raschen Stich oder Schnitt geöffnet wurde. Bessere Ausführungen hatten eine Klingenschutzkappe, die die Eindringtiefe regulierte. Daneben wurden Schalen (lateinisch pelves) zur Aufnahme des Blutes verwendet; die entnommene Blutmenge wurde nach Gewicht (Unzen) oder Füllstand der Schale gemessen. Mehrfach überliefert sind auch Federkiele, die nach dem Einschnitt in die Vene eingeführt wurden, um den Blutfluss zu regulieren.
Ablauf
Der typische Aderlass an einer Armvene verlief in mehreren Schritten: Zunächst wurde der Arm mit einem Tuch oder Band (Tourniquet) oberhalb der gewählten Vene abgebunden, um die Vene zu stauen und sichtbar hervortreten zu lassen. Nach Reinigung der Einstichstelle – oft mit Wein oder Essig – schnitt oder stach der Ausführende die Vene an. Das Blut floss in die bereitstehende Schale; war die gewünschte Menge entnommen, wurde die Wunde mit einem Druckverband verschlossen. Der Patient sollte anschließend ruhen, bestimmte Speisen meiden und sich schonen.
Aderlassstellen und -venen
Für verschiedene Krankheiten wurden verschiedene Venen geöffnet, da man glaubte, dass jede Vene mit bestimmten Organen und Körperregionen in Verbindung stand. Die folgende Auswahl zeigt die wichtigsten mittelalterlichen Aderlassstellen:
- Ellenbogenvene (vena cephalica): Häufigste Aderlassstelle; bei Beschwerden von Kopf, Leber und Lunge.
- Handgelenk (vena salvatella): Milz und Leber; bei Melancholie.
- Knöchelvenen: Unterleib, Gebärmutter, Nieren; bei Frauenleiden und Rückenschmerzen.
- Hals- und Schläfenvenen: Kopfschmerzen, Augenleiden, Epilepsie; nur von erfahrenen Ärzten durchgeführt.
- Zungenunterfläche: Mundfäule, Kehlenleiden; besonders selten und gefährlich.
Mittelalterliche Aderlasslehren nennen unterschiedliche Mengenempfehlungen je nach Konstitution, Alter und Jahreszeit des Patienten. Übliche Mengen lagen zwischen einer und mehreren Unzen (ca. 30–300 ml); bei schweren Fällen wurden bis zu 500 ml entnommen. Zum Vergleich: Eine moderne Blutspende umfasst ca. 450 ml.
Ausübende und Institutionen
Klostermedizin und Mönche
In früh- und hochmittelalterlichen Klöstern war der Aderlass eine fest institutionalisierte Praxis. Die Benediktsregel sah regelmäßige Aderlassperioden (minutiones) für die Mönche vor – nicht nur zu therapeutischen Zwecken, sondern auch zur Prophylaxe und zur Förderung der klösterlichen Disziplin (man glaubte, der Aderlass dämpfe fleischliche Begierden). Klosterkalender verzeichneten die erlaubten Aderlasstermine; nach dem Aderlass erhielten die Mönche besondere Rationen (Fleisch, Wein) zur Stärkung. Im 12. Jahrhundert verbot das Laterankonzil (1215) den Mönchen das Praktizieren blutiger Eingriffe – was den Übergang des Aderlasses an weltliche Wundärzte und Bader beschleunigte. Klöster als Heil- und Pflegestätten behandelt der Bereich Klöster, Bildung & Wissen.
Bader, Barbiere und Wundärzte
Ab dem 12./13. Jahrhundert übernahmen in den Städten die Bader und Barbiere den praktischen Aderlass. Bader betrieben öffentliche Badestuben und boten neben dem Bad auch medizinische Grundversorgung an: Aderlass, Schröpfen, Zahnziehen, Wundversorgung und kleine chirurgische Eingriffe. Das Zeichen des Baders war ein rot-weißes Becken (das Blutbecken) und ein spiralförmig gestreifter Stab – der Vorläufer des heutigen Barbier-Pols. Bader und Barbiere standen rechtlich und sozial unterhalb der akademisch ausgebildeten Ärzte (physici), die an Universitäten studiert hatten und vorwiegend die wohlhabenden Schichten versorgten. Zunftorganisation und soziale Stellung des Handwerks behandelt der Bereich Städte & Urbanes Leben.
Universitätsmedizinier
An den entstehenden Universitäten des Hochmittelalters (Salerno, Bologna, Montpellier, Paris) wurde die Humoralpathologie als wissenschaftliche Grundlage der Medizin gelehrt. Der Aderlass war fester Bestandteil der akademischen Ausbildung; Aderlasslehren (phlebotomiae) bildeten ein eigenes literarisches Genre. Die bekanntesten mittelalterlichen medizinischen Autoritäten – Avicenna (Canon Medicinae), Constantinus Africanus, Hildegard von Bingen – alle enthielten ausführliche Abschnitte über die richtige Durchführung und Indikation des Aderlasses.
Varianten und verwandte Methoden
Schröpfen
Das Schröpfen (cucurbitatio) war die häufigste Alternative zum klassischen Venenaderlass. Beim trockenen Schröpfen wurden erhitzte Glas- oder Hornschalen (Schröpfköpfe) auf die Haut gesetzt; beim Abkühlen entstand ein Unterdruck, der Blut in die Haut saugte, ohne sie zu öffnen. Beim blutigen Schröpfen wurden vorher kleine Schnitte gesetzt. Schröpfen galt als mildere Methode, geeignet für Patienten, die für einen vollständigen Aderlass zu schwach waren, und für schwer zugängliche Körperstellen wie Rücken und Nacken.
Blutegel
Blutegel (Hirudo medicinalis) wurden seit der Antike medizinisch eingesetzt. Im Mittelalter galten sie als besonders geeignet für empfindliche Regionen, die für die Lanzette schwer zugänglich waren: Augenlider, Lippen, Zahnfleisch, After. Ein Blutegel entnimmt beim Biss ca. 5–15 ml Blut; durch die Wundsekretion (Hirudin, ein Gerinnungshemmer) fließt die Wunde nach dem Ablösen noch erheblich länger nach. Blutegel gehören zu den wenigen Elementen der mittelalterlichen Medizin, die in modifizierter Form in die moderne Medizin zurückgekehrt sind (Mikrochirurgie, Stauungsbehandlung).
Prophylaktischer Aderlass
Neben dem therapeutischen Aderlass (zur Behandlung bestehender Krankheiten) praktizierte man im Mittelalter auch den prophylaktischen Aderlass: die regelmäßige Blutentnahme gesunder Menschen zur Vorbeugung, besonders im Frühjahr und Herbst, wenn das Blut nach der Säftelehre zu Übermaß neigte. Diese Praxis war in Klöstern besonders verbreitet und galt als Bestandteil einer gesunden Lebensführung (regimen sanitatis). Auf dem Land und in Städten ließ auch die bäuerliche und bürgerliche Bevölkerung sich saisonal zur Ader lassen – oft beim Bader oder Barbier, der einen festen Kalender mit Aderlassstagen führte.
Historische Entwicklung
Antike Grundlagen (5. Jahrhundert v. Chr. – 5. Jahrhundert n. Chr.)
Der Aderlass geht auf die hippokratische Medizin des 5./4. Jahrhunderts v. Chr. zurück; die systematische Grundlegung erfolgte durch Galenos von Pergamon (129–ca. 216 n. Chr.), dessen Schriften für die gesamte mittelalterliche Medizin kanonische Geltung erlangten. Galenos unterschied zwischen der Entnahme von Blut aus der dem erkrankten Organ benachbarten Vene (Ableitung) und der Entnahme von der gegenüberliegenden Körperseite (Ableitung und Umleitung) und begründete damit eine Theorie, die Jahrhunderte lang diskutiert wurde. Die arabische Medizin des Früh- und Hochmittelalters – Avicenna (980–1037), Rhazes (865–925) – übernahm und verfeinerte die galenische Aderlasslehre, bevor sie durch Constantinus Africanus (ca. 1020–1087) ins lateinische Europa zurückübertragen wurde.
Früh- und Hochmittelalter: Kloster und Bader (ca. 500–1300)
Im frühen Mittelalter war die Klostermedizin der wichtigste Träger des Aderlasswissens. Klosterschulen kopierten und kommentierten galenische und arabische Aderlasslehren; der Aderlass war in den Klosterroutinen kalendarisch verankert. Mit dem Aufblühen der Städte ab dem 12. Jahrhundert entstand ein neues Versorgungsnetz durch Bader und Barbiere, die den Aderlass als Regelleistung anboten. Das Konzil von Tours (1163) und das 4. Laterankonzil (1215) beschränkten die Ausübung blutiger Eingriffe durch Kleriker, was die Professionalisierung weltlicher Wundärzte beschleunigte.
Spätmittelalter: Pest, Panik und Aderlass (ca. 1300–1500)
Die Große Pest (1347–1353) stellte die humoralpathologische Medizin vor eine unlösbare Herausforderung. Viele Ärzte empfahlen dennoch Aderlass als Maßnahme gegen die Pest – mit katastrophalen Folgen, da die ohnehin geschwächten Patienten durch Blutverlust zusätzlich belastet wurden. Gleichzeitig entstanden im Spätmittelalter illustrierte Aderlassbücher und -kalender in volkssprachlicher Übersetzung, die das Wissen über Aderlass dem Laien zugänglich machten. Große Druckwerke wie das Gart der Gesundheit (1485) enthielten ausführliche Aderlassanleitungen. Die Pest und ihre medizinischen Folgen behandelt der Bereich Medizin & Krankheit.
Frühe Neuzeit und langsamer Niedergang (16.–19. Jahrhundert)
Erst die anatomischen Entdeckungen des 16. Jahrhunderts – insbesondere William Harveys Nachweis des Blutkreislaufs (1628) – untergruben langsam die galenische Grundlage des Aderlasses. Dennoch blieb er bis weit ins 19. Jahrhundert eine Standardtherapie; der berühmteste Todesfall ist möglicherweise George Washington (1799), der nach heutiger Einschätzung durch mehrfachen Aderlass entscheidend geschwächt wurde. Erst ab ca. 1850 setzte sich in der evidenzbasierten Medizin die Erkenntnis durch, dass der Aderlass in den meisten Fällen schadete statt nützte.
Bedeutung und Einordnung
Der mittelalterliche Aderlass ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine medizinische Praxis durch ein kohärentes, aber falsches theoretisches System über Jahrhunderte legitimiert werden kann. Die Humoralpathologie bot eine in sich stimmige Erklärung für Krankheit und Heilung; innerhalb dieses Systems war der Aderlass rational. Dass er in vielen Fällen tatsächlich Schaden anrichtete – durch Infektionen der Wunden, Schwächung durch Blutverlust, Übertragung von Krankheiten durch unsterilisierte Instrumente –, war aus zeitgenössischer Perspektive nicht erkennbar, da das theoretische Modell keine Möglichkeit bot, den Schaden kausal zuzuordnen. Der Aderlass illustriert damit grundlegende Probleme der vormodernen Medizin: fehlende Kontrollgruppen, Confirmation Bias und die Dominanz autoritativer Texte (Galenos, Avicenna) über empirische Beobachtung.
Für die Kulturgeschichte ist der Aderlass bedeutsam als Schnittpunkt von Medizin, Religion, Astrologie und sozialem Leben. Das Aderlassmännlein und der Aderlasskalender gehörten zum visuellen Alltag des mittelalterlichen Menschen; der Bader war eine vertraute soziale Figur; der saisonale Aderlass strukturierte das Jahr ähnlich wie kirchliche Feste. Die visuelle Überlieferung von Aderlassmännlein in Handschriften und Drucken behandelt der Bereich Sprache, Kultur & Kunst.
Häufige Fragen
- Was ist ein Aderlass einfach erklärt?
- Beim Aderlass wird eine Vene mit einer kleinen Lanzette geöffnet und eine bestimmte Menge Blut entnommen. Im Mittelalter galt er als Universalheilmittel, da man glaubte, Krankheiten entstünden durch ein Übermaß bestimmter Körpersäfte – vor allem des Blutes –, das durch Aderlass abgeleitet werden müsse.
- Warum war der Aderlass im Mittelalter so verbreitet?
- Der Aderlass war theoretisch durch die Viersäftelehre (Humoralpathologie) begründet, die von der Antike bis ins 19. Jahrhundert das medizinische Denken dominierte. Da er bei manchen Patienten kurzfristig Symptome linderte (z. B. Blutdrucksenkung bei Hochdruckkranken) und Misserfolge anders erklärt wurden, galt er als bewährt.
- Was ist ein Aderlassmännlein?
- Ein Aderlassmännlein ist eine Diagrammfigur in mittelalterlichen Kalendern und medizinischen Büchern: ein menschlicher Körper, auf dem die einzelnen Körperstellen den zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet sind. Es zeigte, an welchem Tag welche Vene geöffnet werden durfte oder nicht. Aderlassmännlein gehörten zum Standardinhalt mittelalterlicher Haushalts- und Laienkalender.
- Wer führte den Aderlass im Mittelalter durch?
- Im Frühmittelalter vor allem Klostermönche; ab dem 12./13. Jahrhundert zunehmend Bader und Barbiere in den Städten. Akademisch ausgebildete Ärzte verordneten den Aderlass, führten ihn aber oft nicht selbst durch. In ländlichen Gebieten konnte auch der Dorfbader oder eine erfahrene Frau diese Aufgabe übernehmen.
- Welche Gefahren hatte der Aderlass im Mittelalter?
- Die wesentlichen Gefahren waren Infektionen der Einstichstelle (durch unsterilisierte Instrumente), übermäßiger Blutverlust (Schwächung, Kollaps, Tod), Verletzung von Arterien oder Nerven sowie – bei Mehfachnutzung von Instrumenten – Übertragung von Krankheiten wie Syphilis und Tuberkulose.
- Gibt es heute noch medizinischen Aderlass?
- Ja, in sehr begrenztem Rahmen: Der therapeutische Aderlass ist heute bei wenigen spezifischen Erkrankungen indiziert, vor allem bei Hämochromatose (erbliche Eisenspeicherkrankheit), Polycythaemia vera (Überproduktion roter Blutkörperchen) und Porphyria cutanea tarda. In diesen Fällen ist er nach wie vor die Therapie der Wahl.
Quellen und weiterführende Informationen
- Keil, Gundolf: Aderlaß. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 1. Artemis, München / Zürich 1980, Sp. 151–153.
- Müller, Irmgard: Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen. Herder, Freiburg 1982.
- Nicoud, Marilyn: Les régimes de santé au Moyen Âge. École française de Rome, Rom 2007.
- Avicenna (Ibn Sina): Canon Medicinae (lateinische Übersetzung des 12. Jahrhunderts). Venedig 1507 (Erstdruck).
- Jankrift, Kay Peter: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003.
- Eckart, Wolfgang U.: Geschichte der Medizin. 7. Aufl. Springer, Berlin / Heidelberg 2013.
- Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters. Govi-Verlag, Frankfurt 1998.
- Wikipedia: Aderlass. URL: de.wikipedia.org – Aderlass

