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Pergament im Mittelalter Definition

Pergament (lateinisch pergamena, membrana pergamena; griechisch pergamēnē) bezeichnet einen aus ungegerbter Tierhaut – vorwiegend von Schafen, Ziegen und Kälbern – hergestellten Beschreibstoff, der im europäischen Mittelalter das wichtigste Medium für Schrift, Buch und Urkunde war. Im Unterschied zu Leder wird Pergament nicht durch Gerbstoffe chemisch verändert, sondern durch Spannen, Trocknen und Schaben mechanisch bearbeitet: Das Ergebnis ist ein heller, glatter, stabiler Beschreibstoff, der mit Tinte oder Farbe beschrieben und koloriert werden kann und bei sachgemäßer Aufbewahrung Jahrhunderte oder Jahrtausende überdauert. Pergament war der entscheidende Informationsträger der mittelalterlichen Wissens-, Rechts- und Glaubenskultur: auf ihm wurden die Bibel und die Kirchenväter überliefert, Gesetze und Urkunden beurkundet, Annalen und Chroniken geschrieben, Karten und wissenschaftliche Texte aufgezeichnet. Vom frühen Mittelalter bis zur Einführung des Papiers im 13./14. Jahrhundert war Pergament in Europa nahezu konkurrenzlos; es blieb auch danach das bevorzugte Material für Prachthandschriften, Urkunden und offizielle Dokumente bis weit in die frühe Neuzeit. Der Begriff Pergament leitet sich von der kleinasiatischen Stadt Pergamon (heute Bergama, Türkei) ab, der die antike Überlieferung die Erfindung oder Verbreitung des Beschreibstoffs zuschreibt.

Begriffsherkunft und Etymologie

Der Name Pergament leitet sich von der antiken Stadt Pergamon (griechisch Πέργαμον) ab, dem bedeutenden Herrschersitz der Attaliden-Dynastie in Kleinasien (heute Bergama in der Westtürkei). Der antike Schriftsteller Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis Historia (13,70), König Eumenes II. von Pergamon (197–159 v. Chr.) habe, als der ägyptische König Ptolemaios V. aus Eifersucht auf die wachsende Bibliothek von Pergamon die Ausfuhr von Papyrus gesperrt habe, den Beschreibstoff aus Tierhäuten als Ersatz entwickeln oder verbessern lassen. Diese Überlieferung ist legendenhaft und archäologisch nicht zu verifizieren; beschriebene Tierhäute sind weit älter als Pergamon. Wahrscheinlicher ist, dass Pergamon ein wichtiges Zentrum der Herstellung und Verbreitung des neuen Beschreibstoffs wurde und ihm so den Namen gab.

Im Lateinischen bürgerte sich membrana pergamena (pergamenische Haut) oder kurz pergamena ein. Im Deutschen entwickelte sich daraus Pergament; im Englischen parchment (aus altfranzösisch parchemin), im Französischen parchemin. Handwerk, Schreibkultur und Buchproduktion des Mittelalters behandelt der Bereich Klöster, Bildung & Wissen.

Definition und Abgrenzung

Pergament ist von ähnlichen Materialien sorgfältig abzugrenzen:

  • Pergament: Ungegerbte, gespannte und getrocknete Tierhaut (Schaf, Ziege, Kalb, seltener Schwein oder Hirsch); glatt, hell, beschreibbar; kein chemischer Prozess, sondern mechanische Bearbeitung.
  • Leder: Gegerbte Tierhaut; durch Gerbstoffe (Eichenrinde, Alaun) chemisch stabilisiert; weicher, dunkler, flexibler; nicht als Beschreibstoff geeignet; für Bucheinbände, Rüstungen, Schuhe.
  • Papyrus: Aus dem Mark der Papyruspflanze (Cyperus papyrus) hergestellter Beschreibstoff; Hauptmedium der Antike und des frühen Mittelalters im Mittelmeerraum; empfindlicher gegen Feuchtigkeit als Pergament; in Nordeuropa kaum nutzbar.
  • Papier: Aus zermahlenem Pflanzenmaterial (Lumpen, Hadern) hergestellter Beschreibstoff; in China ca. 100 n. Chr. erfunden; über die arabische Welt nach Europa im 12./13. Jahrhundert; billiger als Pergament, aber weniger haltbar.
  • Vellum: Im engeren Sinne Pergament aus Kalbshaut (vitulinum); besonders fein, weiß und glatt; für Prachthandschriften und Urkunden bevorzugt; im Englischen oft synonym mit parchment verwendet.

Herstellung: Vom Tier zum Beschreibstoff

Rohstoff und Tierhaut

Die Qualität des Pergaments begann mit der Auswahl der Tierhaut. Bevorzugt wurden junge Tiere: Kälber (vitulus) lieferten das feinste Pergament (vellum); Schafe (ovis) und Ziegen (capra) das gängige Gebrauchspergament. Ungeborene oder neugeborene Lämmer und Kälber lieferten das zarteste, fast durchscheinende uterine vellum (Jungfernpergament), das für besonders kostbare Handschriften verwendet wurde. Die Haut durfte keine Narben, Parasitenbefall oder Brandzeichen aufweisen. Der Bedarf war enorm: Ein einbändiges Bibelmanschrift konnte 200–500 Tierhäute erfordern; die vollständige Bibel des Klosters Winchester (Winchester Bible, 12. Jahrhundert) benötigte schätzungsweise 250 Kalbshäute.

Die Herstellung von Pergament: Schritt für Schritt

  1. Enthäuten: Die frische Haut wird dem Tier unmittelbar nach der Schlachtung abgezogen, bevor sie austrocknet.
  2. Wässern: Die Haut wird mehrere Tage in Wasser oder Kalkmilch (Kalkbad) eingeweicht, um Haare, Fett und verbliebenes Fleisch zu lösen und die Hautstruktur aufzuweichen.
  3. Enthaaren und Entfleischen: Mit einem halbmondförmigen Schabemesser (lunellum) werden auf einem gewölbten Holzrahmen (Pergamentrahmen) von beiden Seiten Haare, Fett und Fleischreste abgeschabt; auf der Fleischseite besonders sorgfältig, da dort das Fett tief sitzt.
  4. Spannen: Die feuchte Haut wird auf einem hölzernen Spannrahmen (Spannkreuz) durch Schnüre oder Keile gleichmäßig gespannt; während des Trocknens dehnt sich die Haut und glättet sich.
  5. Trocknen: Die gespannte Haut trocknet langsam in der Luft – nicht in der Sonne oder neben Feuer, da sonst Wellen und Risse entstehen; das Trocknen unter Spannung ist entscheidend für die Glätte des Endprodukts.
  6. Schaben und Glätten: Die noch auf dem Rahmen gespannte, fast trockene Haut wird erneut mit dem Schabemesser gleichmäßig dünn geschabt; Unebenheiten werden beseitigt; mit einem Bimsstein (pumex) wird die Oberfläche zusätzlich geglättet und die Tintenhaftung verbessert.
  7. Ablösen und Zuschneiden: Die fertige Pergamentbahn wird vom Rahmen gelöst, in Bögen oder Lagen (quaterniones) geschnitten und zur Weiterverarbeitung bereitgestellt.

Werkzeuge und Werkstatt

Die Pergamentmacher (parchmeners, pergamentarii) bildeten im Hochmittelalter einen eigenen Handwerkszweig, der in Städten oft in der Nähe von Schlachthäusern oder Gerbern angesiedelt war – wegen des Zugangs zu frischen Häuten und zu Wasser. Das Handwerk war geruchsintensiv und galt als schmutzig; dennoch war es wirtschaftlich lukrativ, da der Bedarf von Skriptorien, Kanzleien und Universitäten permanent hoch war. An Universitätsstädten wie Paris, Bologna und Oxford entstanden ab dem 13. Jahrhundert eigene Pergament- und Buchhändlerviertel (Rue des Parchemins in Paris). Handwerk und Zünfte des Mittelalters behandelt der Bereich Handwerk & Technik.

Typen und Qualitätsstufen

Typ Rohmaterial Qualität Verwendung
Vellum / Kalbspergament Kalbshaut (vitulinum) Sehr fein, weiß, glatt, kaum Poren sichtbar Prachthandschriften, Urkunden, Psalter, Stundenbücher
Jungfernpergament (uterine vellum) Haut ungeborener oder neugeborener Lämmer / Kälber Extrem dünn, fast durchscheinend, elfenbeinfarben Miniaturhandschriften, kleinformatige Bibeln (Taschenbibelformat)
Schafpergament Schafshaut (ovinum) Mittelqualität; Haarseite und Fleischseite deutlich verschieden; gelblicher Gebrauchshandschriften, Urkundenrollen, Schulbücher
Ziegenpergament Ziegenhaut (caprinum) Robuster, dunkler, mit sichtbaren Poren; weniger gleichmäßig Gebrauchstexte, südeuropäische Handschriften, Urkunden
Rotgepunktetes Pergament (peau de truie) Schweinshaut (selten) Grob, mit deutlichen Poren; nicht für feine Schrift geeignet Bucheinbände, seltene Gebrauchshandschriften

Verwendung und Bedeutung

Pergament als Träger des Wissens

Die überragende Bedeutung des Pergaments im Mittelalter liegt in seiner Funktion als nahezu einziger dauerhafter Beschreibstoff Nordeuropas: Auf ihm wurde das gesamte schriftliche Erbe der mittelalterlichen Kultur tradiert. Die Bibel und die Werke der Kirchenväter, die antiken Klassiker (soweit erhalten), Rechtsbücher, Enzyklopädien, medizinische und astronomische Traktate, Annalen, Chroniken, Heiligenviten, Gebetbücher, Stundenbücher und höfische Epik – alles wurde auf Pergament aufgezeichnet und in klösterlichen und höfischen Bibliotheken aufbewahrt. Ohne Pergament wäre das mittelalterliche Skriptorium, ohne das Skriptorium wäre die Überlieferung der antiken und frühchristlichen Kultur in Europa undenkbar.

Pergament als Rechts- und Urkundenträger

Neben der Buchproduktion war die Urkundenschreibung der zweite große Verwendungsbereich des Pergaments. Königliche und kaiserliche Diplome, päpstliche Bullen, Lehns- und Kaufurkunden, Testamente, Stadtrechte und internationale Verträge wurden auf Pergament ausgestellt – nicht auf Papier, auch nachdem dieses in Europa eingeführt worden war. Die Gründe waren praktisch: Pergament ist langlebiger, resistenter gegen Feuchtigkeit und schwerer zu fälschen (Rasuren sind sichtbar). Eine gefälschte oder veränderte Pergamenturkunde hinterließ charakteristische Spuren, die dem geübten Auge der mittelalterlichen Kanzleibeamten (Notare, Kanzler) nicht entgingen. Die Diplomatik – die Wissenschaft von der Echtheit und Formkritik von Urkunden – entwickelte sich im Mittelalter direkt aus dem Umgang mit Pergamenturkunden. Urkunden und Kanzleiwesen des Mittelalters behandelt der Bereich Herrschaft & Reich.

Prachthandschriften und künstlerische Nutzung

Die feinsten Pergamente wurden für Prachthandschriften (codices pretiosi) verwendet: illuminierte Bibeln, Evangeliare, Psalter und Stundenbücher, die mit Gold, Silber und kostbaren Farbpigmenten ausgemalt waren. Pergament war für diese Zwecke ideal: Seine glatte, nur leicht saugende Oberfläche nahm Tinte und Farbe gleichmäßig auf; es ließ sich mit Blattgold vergolden (Vergoldung); es war stabil genug für mehrfache Überarbeitungen. Die aufwendigsten mittelalterlichen Pergamenthandschriften – das Book of Kells (ca. 800), das Evangeliar Ottos III. (ca. 1000), der Très Riches Heures du Duc de Berry (ca. 1410) – zählen zu den kostbarsten Kunstwerken der Menschheit. Buchmalerei und Handschriftenkultur behandelt der Bereich Sprache, Kultur & Kunst.

Vom Rotulus zum Kodex

Die Einführung des Pergaments war untrennbar verbunden mit dem Übergang vom Rotulus (Schriftrolle) zum Kodex (gebundenes Buch mit einzelnen Seiten). Papyrus war als biegsames, aber brüchiges Material besonders für Rollen geeignet; Pergament ließ sich falzen, ohne zu brechen, und eignete sich dadurch für den Buchblock: Bögen wurden in der Mitte gefalzt (Bifolia), zu Lagen (Quaternionen, meist vier Doppelblätter) zusammengelegt, genäht und zwischen feste Einbanddeckel gespannt. Der Kodex hatte gegenüber der Rolle erhebliche Vorteile: Er war kompakter, schneller zu navigieren (man konnte blättern statt zu rollen), fasste mehr Text und war beidseitig beschreibbar. Der Übergang vom Rotulus zum Kodex vollzog sich im 3.–5. Jahrhundert n. Chr. und ist einer der bedeutendsten Medienwechsel der Kulturgeschichte. Die frühe christliche Kirche war ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung: Christliche Texte wurden bevorzugt im Kodexformat verbreitet, was dem neuen Format zu rascherer Verbreitung verhalf.

Wie viele Tiere für eine Bibel?
Eine vollständige mittelalterliche Bibel auf Pergament erforderte je nach Format und Seitenanzahl zwischen 200 und 500 Tierhäute. Die berühmte Winchester Bible (ca. 1160–1180, heute in der Winchester Cathedral) umfasst 468 Seiten im Großfolioformat und benötigte schätzungsweise 250 Kalbshäute. Die Biblia Pauperum und spätere Taschenbibelformate wurden auf hauchdünnem Jungfernpergament (uterine vellum) geschrieben, was den Bedarf deutlich reduzierte, aber handwerklich höchste Anforderungen stellte. Der Materialwert einer vollständigen Pergamentbibel übertraf im Hochmittelalter den Jahreswert mehrerer Bauernhöfe.

Das Palimpsest: Wiederverwendung von Pergament

Da Pergament kostbar war, wurde es bei Bedarf wiederverwendet: Man schabte die Tinte von der Oberfläche ab (daher Palimpsest, von griechisch palimpsēstos = wieder abgekratzt) und beschrieb die gereinigte Fläche neu. Dieser Vorgang ist für die Forschung von unschätzbarem Wert: Mit modernen Bildgebungsverfahren (UV-Licht, Multispektralaufnahmen, Röntgenfluoreszenz) lassen sich die ursprünglichen, abgeschabten Texte sichtbar machen und rekonstruieren. Berühmte Palimpseste haben verschollene Texte der Antike wieder zugänglich gemacht: Der Archimedes-Palimpsest (ein byzantinisches Pergamentbuch des 13. Jahrhunderts, unter dessen christlichem Text mathematische Werke des Archimedes lagen) und der Codex Ephraemi Rescriptus (eine griechische Bibelhandschrift, unter der Predigten des Ephräm des Syrers abgeschabt worden waren) sind die berühmtesten Beispiele.

Pergament und Papier: Konkurrenz und Ablösung

Das Papier erreichte Europa über den islamischen Kulturraum im 12. Jahrhundert (erstes europäisches Papiermühlzeugnis: Xàtiva, Spanien, ca. 1056; erste Papiermühle in Fabriano, Italien, ca. 1276; Deutschland: Nürnberg, 1390). Es war deutlich billiger herzustellen als Pergament – kein Schlachttier, kein monatelanger Herstellungsprozess, keine spezialisierte Handwerkskunst – und konnte in großen Mengen produziert werden. Im 14. und 15. Jahrhundert verdrängte Papier das Pergament schrittweise für Gebrauchsschriften, Briefe, Rechnungsbücher und schließlich – mit dem Buchdruck Gutenbergs (ca. 1450) – auch für den Buchdruck selbst. Pergament behielt seinen Platz jedoch für Urkunden (die älteste noch gültige englische Parlamentsurkunde wird auf Pergament ausgestellt), für Prachthandschriften und für den offiziellen Schriftverkehr bis weit in die frühe Neuzeit.

Eigenschaft Pergament Papier
Rohmaterial Tierhaut (Kalb, Schaf, Ziege) Pflanzenfasern (Hadern / Lumpen; später Holz)
Herstellungsaufwand Hoch; spezialisiertes Handwerk; Wochen pro Bogen Gering; industrialisierbar; Massenproduktion möglich
Kosten Sehr hoch Deutlich günstiger
Haltbarkeit Sehr hoch; Jahrtausende bei guter Lagerung Geringer; empfindlicher gegen Feuchtigkeit und Säure
Radierfähigkeit Ja (Rasur möglich; sichtbar als Fälschungsschutz) Beschränkt; Tinte zieht tiefer ein
Eignung für Buchdruck Möglich (Gutenberg druckte einige Bibeln auf Pergament), aber teuer Ideal; gleichmäßige Oberfläche; günstig
Verwendung heute Restaurierung; offizielle Urkunden (UK); Luxusprodukte Universalmedium

Historische Entwicklung

Antike Vorläufer und Ursprünge (vor dem Mittelalter)

Beschriebene Tierhäute sind archäologisch seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. belegt; ägyptische und persische Dokumente auf Tierhaut sind bekannt. Das besondere Verfahren der gespannten, ungegerbten Trocknung – das eigentliche Pergament – entwickelte sich wohl im Nahen Osten und wurde im östlichen Mittelmeerraum verfeinert. In der Spätantike (3.–5. Jh. n. Chr.) setzte sich Pergament zunehmend gegenüber Papyrus durch, vor allem in den kühlfeuchten Klimazonen Nord- und Westeuropas, wo Papyrus schlecht haltbar war. Die frühe christliche Kirche bevorzugte den Kodex auf Pergament für ihre kanonischen Texte.

Frühmittelalter: Klöster als Zentren der Pergamentkultur (500–1000)

Im frühmittelalterlichen Europa waren die Klöster die entscheidenden Produktions- und Überlieferungszentren für Pergamenthandschriften. Die irischen und angelsächsischen Klöster (Iona, Lindisfarne, Canterbury) und die Klöster des Kontinents (Fulda, St. Gallen, Tours, Corbie) unterhielten Skriptorien – Schreibstuben –, in denen Mönche Bibeln, Liturgica, Patristik und antike Klassiker kopierten. Die Benediktsregel verpflichtete die Mönche zu körperlicher und geistiger Arbeit; Schreiben und Lesen gehörten zum klösterlichen Alltag. Die karolingische Bildungsreform (8./9. Jh.) unter Karl dem Großen und Alcuin von York gab dem Schreiben und der Buchproduktion einen neuen Impuls: Standardisierte Schriften (karolingische Minuskel), einheitliche Textfassungen und systematische Bibliotheksaufbau prägen diese Epoche. Klöster als Wissenszentren behandelt der Bereich Klöster, Bildung & Wissen.

Hochmittelalter: Laien, Universitäten und Städte (1000–1300)

Das Hochmittelalter brachte eine dramatische Ausweitung der Pergamentproduktion. Die Entstehung der Universitäten (Bologna ca. 1088, Paris ca. 1150, Oxford ca. 1167) schuf einen neuen, massenhaften Bedarf an Büchern: Studenten, Professoren und Kanzleien benötigten Pergamenthandschriften in nie dagewesenem Umfang. Das Pecia-System – Verleiher (stationarii) vermieteten einzelne Lagen (peciae) von Standardtexten an Studenten zum Abschreiben – rationalisierte die Buchproduktion außerhalb der Klöster. Gleichzeitig entwickelte sich eine professionelle Pergamentmacherzunft in den Universitätsstädten. Der höfische Literaturboom (Minnesang, Artusroman, Heldenepik) und die fürstlichen Kanzleien (Urkunden, Verträge, Korrespondenz) erhöhten den Bedarf weiter.

Spätmittelalter: Konkurrenz durch Papier (1300–1500)

Mit der Ausbreitung der Papiermühlen in Europa ab dem 13. Jahrhundert begann die langsame, aber unaufhaltsame Ablösung des Pergaments für Gebrauchsschriften. Das Papier ermöglichte erst die Entstehung der modernen Verwaltung: Stadtbücher, Steuerlisten, Rechnungen, Briefe und persönliche Notizen wurden nun auf dem billigeren Material geführt. Pergament blieb das Material der Würde und Dauerhaftigkeit: Urkunden, offizielle Dokumente und Prachthandschriften. Der Buchdruck Gutenbergs (ca. 1450–1455) markierte das endgültige Ende der handgeschriebenen Pergamentkultur als Massenmedium: Gutenberg druckte seine 42-zeilige Bibel sowohl auf Papier als auch – in einer kleinen Luxusauflage – auf Pergament, was die symbolische Bedeutung des Materials für repräsentative Dokumente noch einmal unterstreicht.

Bedeutung und Einordnung

Pergament ist nicht nur ein Beschreibstoff, sondern ein Kulturträger von epochaler Bedeutung. Die mittelalterliche Zivilisation war in einem fundamentalen Sinne eine Pergamentzivilisation: Ihre Gesetze, ihre Theologie, ihre Wissenschaft, ihre Literatur, ihre Geschichte und ihre Kunst wurden auf Pergament aufgezeichnet, in Pergamentbüchern bewahrt und durch Pergamentkopien tradiert. Ohne Pergament – und die klösterlichen Skriptorien, die es beschrieben – wäre der größte Teil des antiken und frühmittelalterlichen Schriftguts verloren gegangen: Homer, Vergil, Cicero, Tacitus, Augustinus, Hieronymus und tausend andere Autoren sind uns nur durch mittelalterliche Pergamentkopien bekannt.

Für die Forschung ist das Pergament als physisches Objekt eine unerschöpfliche Quelle: Chemische Analyse der Tierhaut ermöglicht die Bestimmung der Tierart (species identification); Kohlenstoff-14-Datierung liefert absolute Datierungen; die Untersuchung von Schreiberhänden, Tinten und Pigmenten gibt Auskunft über Entstehungsort und -zeit. Das mittelalterliche Pergament ist damit nicht nur Träger des Textes, sondern selbst ein historisches Dokument, das über die Produktionsbedingungen, die wirtschaftlichen Netzwerke und die kulturellen Prioritäten seiner Entstehungszeit Auskunft gibt.

Häufige Fragen

Was ist Pergament einfach erklärt?
Pergament ist ein aus Tierhaut (meist Kalb, Schaf oder Ziege) hergestellter Beschreibstoff: Die ungegerbte Haut wird in Wasser eingeweicht, gespannt, getrocknet und glattgeschabt. Das Ergebnis ist ein heller, glatter, sehr haltbarer Beschreibstoff, der im Mittelalter das wichtigste Medium für Bücher, Urkunden und Dokumente aller Art war.
Warum heißt Pergament „Pergament“?
Der Name leitet sich von der antiken Stadt Pergamon in Kleinasien (heute Bergama, Türkei) ab. Der Überlieferung nach soll König Eumenes II. von Pergamon (197–159 v. Chr.) den Beschreibstoff aus Tierhäuten als Ersatz für das vom ägyptischen König gesperrte Papyrus eingeführt oder verbessert haben. Die Geschichte ist legendenhaft, aber Pergamon war wohl tatsächlich ein wichtiges Herstellungs- und Verbreitungszentrum des neuen Materials.
Was ist der Unterschied zwischen Pergament und Leder?
Pergament ist ungegerbte, gespannte und getrocknete Tierhaut: kein chemischer Prozess, sondern mechanische Bearbeitung; hell, glatt, hart. Leder ist durch Gerbstoffe chemisch stabilisierte Tierhaut: weicher, dunkler, flexibler. Pergament eignet sich zum Beschreiben; Leder für Bucheinbände, Kleidung, Rüstungen.
Wie viele Tierhäute braucht man für eine mittelalterliche Bibel?
Je nach Format und Umfang zwischen 200 und 500 Tierhäute. Die Winchester Bible (12. Jahrhundert) benötigte schätzungsweise 250 Kalbshäute. Kleinformatige Taschenbibelhandschriften aus hauchdünnem Jungfernpergament (uterine vellum) kamen mit deutlich weniger aus, erforderten aber höchste handwerkliche Präzision.
Was ist ein Palimpsest?
Ein Palimpsest ist ein Pergamentblatt, dessen ursprünglicher Text abgeschabt und mit einem neuen Text überschrieben wurde. Mit modernen Bildgebungsverfahren (UV-Licht, Multispektralaufnahmen) lassen sich die ursprünglichen Texte sichtbar machen. Berühmte Palimpseste haben verschollene antike Texte wieder zugänglich gemacht, z. B. der Archimedes-Palimpsest.
Wann wurde Pergament durch Papier ersetzt?
Der Prozess begann im 13. Jahrhundert, als Papiermühlen in Europa entstanden (Fabriano, Italien, ca. 1276; Nürnberg, 1390). Papier verdrängte Pergament schrittweise für Gebrauchsschriften; der Buchdruck Gutenbergs (ca. 1450) beschleunigte die Ablösung. Für Urkunden und offizielle Dokumente blieb Pergament noch Jahrhunderte in Gebrauch.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Rück, Peter (Hrsg.): Pergament. Geschichte, Struktur, Restaurierung, Herstellung. Thorbecke, Sigmaringen 1991. (Standardwerk zur Pergamentgeschichte)
  2. Reed, Ronald: The Nature and Making of Parchment. Elmete Press, Leeds 1975. (Technisch-historische Analyse der Pergamentherstellung)
  3. Bischoff, Bernhard: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. 4. Aufl. Erich Schmidt, Berlin 2009. (Standardwerk zur mittelalterlichen Schriftkultur)
  4. de Hamel, Christopher: A History of Illuminated Manuscripts. Phaidon, London 1986. (Prachthandschriften und ihre Entstehung)
  5. de Hamel, Christopher: Meetings with Remarkable Manuscripts. Allen Lane, London 2016. (Zugänglich; zwölf bedeutende Handschriften im Portrait)
  6. Gullick, Michael: From Parchmenter to Scribe. In: Pergament (s. o.), S. 145–157.
  7. Noel, William / Wallis, Faith (Hrsg.): The Archimedes Palimpsest. 2 Bde. Cambridge University Press 2011.
  8. Wikipedia: Pergament. URL: de.wikipedia.org – Pergament
  9. Wikipedia: Palimpsest. URL: de.wikipedia.org – Palimpsest